Zuhause Kolumne

Der freie Platz auf der Kommode

7. September 20264 Min. Lesezeit

Ein freier Platz ist in einer Wohnung selten leer. Meist wartet er nur auf die nächste Entscheidung.

Monochrome Illustration einer schlichten Kommode mit freier Fläche, Schale und wenigen abgelegten Gegenständen.

Auf der Kommode gibt es einen freien Platz. Er ist ungefähr so groß wie eine Handfläche und hält sich für wichtiger, als er ist. Jeden Morgen sieht er aus wie ein Versprechen. Jeden Abend liegt dort etwas, das niemand wegwerfen und niemand zuordnen wollte.

Ich habe versucht, die Fläche zu retten. Eine Schale für Schlüssel. Ein kleines Fach für Papier. Ein Korb, dessen Name schon nach Ordnung klingt. Die Schale blieb. Der Korb wanderte. Das Papier entwickelte eine eigene Geografie.

Wohin Dinge verschwinden

In einer Familie hat jede Oberfläche einen Beruf. Die Kommode sammelt das, was zwischen zwei Entscheidungen liegt. Die Küchenbank sammelt das, was auf dem Weg nach draußen gestoppt wurde. Der Fußboden im Flur sammelt das, was keiner mehr tragen wollte. Wer das drei Wochen lang beobachtet, lernt nichts über Ordnung, aber viel über Tempo. Die meisten Dinge landen nicht am falschen Platz, sie landen an dem Platz, der gerade frei war.

Ich habe diese Ablageorte inzwischen liebgewonnen, mit einer Ausnahme: Es geht um den Unterschied zwischen einem Landeplatz und einem Parkplatz. Ein Landeplatz nimmt etwas auf, das gleich wieder gebraucht wird: die Schlüssel, die Brille auf der Zeitung, das Kartenblatt. Ein Parkplatz nimmt etwas auf, das vielleicht in der nächsten Woche entschieden wird. Ein Parkplatz braucht eine Grenze, sonst wird aus der Kommode ein Depot. Unsere Grenze ist die freie Handfläche. Wenn sie zu ist, entscheiden wir.

Die Pause als Einrichtung

Inzwischen glaube ich, dass ein freier Platz nicht automatisch ein Problem ist. Er kann eine Pause sein. Er kann zeigen, dass ein Raum noch reagieren kann. Nur sollte man ihn nicht mit einem Charakterfehler verwechseln, wenn er am Dienstag wieder verschwunden ist. Eine Fläche, die jeden Tag leergeräumt wird, erzählt nichts über ein gelungenes Leben. Sie erzählt nur, dass jemand jeden Tag aufgeräumt hat.

Ich habe gelernt, irgendwo eine Reservefläche zu behalten, die keinem Zweck dient. Keine Ablage, kein Fach, bloß eine Fläche, auf der etwas liegen darf, dessen Aufgabe noch nicht feststeht. Sie heißt bei uns „Vielleicht”. Die Kommode hat so einen kleinen Bezirk, und die Küchenbank hat einen zweiten. Beide sind die ersten, die gefüllt werden, und die letzten, die geleert werden. Das klingt nach Anarchie, ist aber eine Haushaltsentscheidung: Wen man unfertigen Dingen einen Platz gibt, müssen sie nicht auf wichtigen Flächen wohnen.

Vielleicht verzichte ich deshalb auf die Vorstellung, dass ein Zuhause fertig wird. Das klingt nach Niederlage, ist aber eine Entlastung. Man kann die Ränder des Alltags abstecken und trotzdem zugeben, dass die Mitte unscharf bleibt.

Was aus Hamburg bleibt

Ich bin in Hamburg aufgewachsen, und der Umgang mit Dingen hat dort eine bestimmte Tonart: nichts verschönern, was in Ordnung ist, und nichts dramatisieren, was nicht hält. Kein Folklore-Blockflötenton, keine Neuinführung der Nordseeluft. Es bleibt eine Haltung. Ein Regal, das hält, wird nicht erklärt. Eine Ecke, die fehlt, wird nicht besungen. Das passt zu Kommoden und zu Menschen.

Aus dieser Stadt nehme ich etwas mit, das ich nicht fotografieren kann: die Erlaubnis, einen Satz zu Ende zu sagen, bevor die nächste Meinung drankommt. Das hilft beim Aufräumen mehr als jede Checkliste. Wer über eine Schale entscheidet, während er schon über den Korb spricht, gibt beiden die falsche Bedeutung. Auf der Kommode wird deshalb immer ein Teil zur Zeit entschieden, und die Entscheidungen dürfen am gleichen Abend korrigiert werden.

Drei Fragen für den Platz

Wenn etwas über Nacht auf der Kommode landet, stelle ich mir inzwischen drei Fragen: Braucht der Gegenstand einen Platz, den er noch nicht hat? Braucht vielleicht jemand eine Pause vom Entscheiden? Oder ist er einfach noch nicht fertig?

Die erste Frage lässt sich mit einem Haken oder einer Schublade beantworten. Die zweite damit, dass man zwei Tage nicht hinschaut. Die dritte ist die schönste, weil sie Zeit braucht: Manche Dinge stehen einfach noch am Anfang. Die Kommode gibt ihnen dafür ein paar Zentimeter. Mehr Versprechen braucht es nicht.

In der Praxis bedeutet das: Ich räume nichts weg, was einer von uns in der Hand hält. Aufräumen beginnt damit, dass man sagt, was man gerade braucht. Das klingt nach Umweg, spart aber die Diskussion, warum die Zeichnung von gestern schon wieder im Stapel liegt. Zusammenhänge sichtbar lassen ist besser als Ordnung beweisen.

Und wenn niemand weiß, was es ist? Dann hat es eine Woche Zeit. Danach wandert es in eine kleine Kiste, die nicht Kommode heißt, sondern „Unsicher”. Die Kiste steht im Schrank, nicht im Weg. Einmal im Jahr wird sie geöffnet, und in den meisten Fällen weiß niemand mehr, warum etwas hineingelegt wurde. Das ist kein Versagen. Das ist ein Gedächtnis mit eigener Geschwindigkeit.

Wer weiterlesen will, findet unter unserem Thema Zuhause einen Blick auf Holz, Verbindungen und Erwartungen und fünf Fragen vor dem Ausmisten.

Geschrieben für MAHAVI von Malin.

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