Zusammenleben Schach
Der erste Zug ist selten der beste
Vitus erklärt, warum ein Schachbrett Kindern nicht nur Züge, sondern auch Pausen beibringen kann.


Wenn ein Kind sofort zieht, sieht es meistens den eigenen Plan. Wenn es wartet, sieht es vielleicht auch den Plan der anderen Seite. Das ist beim Schach nützlich. Im Familienalltag ist es manchmal schon eine erstaunliche Leistung, überhaupt zu merken, dass es eine andere Seite gibt.
Ich sage selten, welcher Zug richtig ist. Erstens weiß ich es nicht immer. Zweitens lernt man wenig, wenn jemand einem die Lösung aus der Hand nimmt. Ich frage lieber: Was könnte sich ändern, wenn du noch einen Moment wartest?
Sehen, warten, fragen
Drei Gewohnheiten, die auf dem Brett leicht zu üben sind und die man abends mitnehmen kann, ohne sie auszusprechen.
Sehen
Beim Sehen geht es nicht um den eigenen Plan, sondern um den Zustand. Welche Figur steht angegriffen? Welches Feld ist schwach? Ein Kind, das den Zug des Gegners benennen kann, bevor es selbst zieht, hat den wichtigsten Schritt geschafft: Es hat aufgehört, allein zu spielen.
Sehen übt man mit einer Frage, die ich aus der Kinderlektion übernommen habe: Was ist auf dem Brett passiert? Nicht: Was machst du? Beide Fragen sind nett gemeint, aber die zweite verlangt eine Erklärung und die erste eine Beschreibung. Mit der Beschreibung beginnt das Verständnis. Wer beschreibt, hat die Lage in Worten geprüft, bevor die Hand zur Figur geht.
Am Anfang ist das ein einziges Feld: die bedrohte Dame, der Bauer, der allein steht. Nach ein paar Wochen kommen Muster dazu: ein Doppelbauer, ein offenes Feld vor dem König, eine Linie, auf der ein Turm warten darf. Niemand muss dafür Theorie lernen. Wer nur benennt, was er sieht, sammelt die Muster von selbst, weil das Brett sie herzeigt.
Warten
Warten heißt nicht stillsitzen. Warten heißt, die Lage festzuhalten, ohne sie zu verändern. Am Brett sind das manchmal nur zwanzig Sekunden. Im Gespräch ist es die Pause vor der Antwort, die der anderen Seite zeigt, dass sie gehört wurde.
Ich habe gelernt, mir die Pause sichtbar zu machen: den Blick von der Figur auf das ganze Brett heben, einmal langsam atmen, dann entscheiden. Kinder übernehmen diese Geste schneller als jeder Ratschlag. Ohne dass jemand es erklärt, sitzt plötzlich eine ganze Familie still, weil alle dieselbe Zeichensprache benutzen.
Fragen
Wer fragt, muss nicht recht haben. „Was hättest du gemacht?” ist keine Prüfung, sondern eine Bitte ums Weiterdenken. Ich stelle die Frage gern, bevor ich eine Figur anfasse. Sie hält meine Hände ruhig und dem Kind die Luft frei.
Wichtig ist mir dabei eine Sache: Die Frage darf nicht zur Kontrolle werden. Wer fünfmal fragt, was der andere vorhat, und dann doch den eigenen Zug spielt, hat nicht geübt, sondern vorgespiegelt. Fragen heißt, das Ergebnis offen zu lassen. Das fällt Erwachsenen schwerer als Kindern, und ich habe deshalb den Verdacht, dass wir häufiger Nachhilfe brauchen.
Eine Stellung, die man sehen kann
Das Diagramm zeigt eine ganz gewöhnliche Eröffnung: Weiß zieht e4, Schwarz e5, dann entwickelt Weiß den Springer nach f3 und Schwarz nach c6. Mehr ist nicht passiert. Trotzdem steht die Partie an einer kleinen Weiche. Weiß hat die Mitte berührt, Schwarz hat mit der Mitte geantwortet. Nun kann jede Seite ihren Plan durchsetzen oder erst einmal schauen, was der Gegner vorhat. Genau deshalb lohnt es sich, vor dem dritten Zug eine Minute mehr zu sehen.
Vom Brett zum Gespräch
Ich übertrage das nicht auf jede Situation. Bei der Essensplanung hilft Warten nicht, und bei einem Zug um sieben Uhr früh am Kaffeeplatz schon gar nicht. Aber es gibt Gespräche, in denen die erste Antwort das Gespräch beendet, weil sie schon ein Urteil ist. Da habe ich gelernt, den Zug zurückzustecken und erst zu fragen: Was siehst du?
Manchmal ist die Antwort überraschend deutlich: Ein Kind sieht bei einer Auseinandersetzung nicht die Regel, sondern die Stimme. Ein großer Mensch sieht nicht die Sorge, sondern den Ton. Wenn beide erst beschreiben dürfen, was sie sehen, stehen oft zwei verschiedene Dinge auf dem Brett, und keines ist falsch. Von da an lässt sich weiterspielen, vielleicht sogar mit weniger Drohungen.
Das Schachbrett ist klein. Die Geduld, die darauf Platz haben soll, ist größer. Ich habe mit 80 immer noch nicht genug davon für jeden Tag. Aber es übt sich, wie alles: Zug für Zug.
Wer wissen will, wie diese Art von Geduld in den Familienalltag passt, findet im Thema Zusammenleben ein Gespräch über einen gemeinsamen Kalender. Meine Sicht auf das Warten steht auch auf meiner Seite.