Zusammenleben Gespräch

Drei Generationen, ein Kalender

7. September 20265 Min. Lesezeit

Ein gemeinsamer Kalender löst keine Familienfrage. Er macht nur sichtbar, wann sie stattfindet.

Stilisierte monochrome Szene an einem Holztisch: eine Hand hält ein Blatt, daneben eine Tasse und ein Schachbrett im Hintergrund.

Malin möchte einen Kalender, in dem alle Termine stehen. Hanno möchte einen Kalender, der nicht behauptet, dass Wege keine Zeit brauchen. Vitus möchte, dass man einen Besuch nicht wie eine Reparatur anmeldet.

Drei Generationen können sich über einen Termin einigen und trotzdem verschiedene Vorstellungen davon haben, was dieser Termin bedeutet. Für die eine Person beginnt Nähe mit einer Uhrzeit. Für die andere beginnt sie damit, dass niemand sofort gehen muss.

Wir schreiben die Dinge deshalb auf. Nicht, weil das Aufschreiben sie wahrer macht. Weil es hilft, später herauszufinden, worüber wir eigentlich gesprochen haben. Wer das einmal im Winter nachliest, staunt, wie viele kleine Entscheidungen einen Sommer lang alle für sich selbst galten.

Gesprächsbeitrag von Malin.

Ich würde den Kalender nicht eröffnen, sondern nur pflegen. Zwei Spalten genügen: wer kommt, und wer eigentlich gefragt werden wollte. Das zweite steht bei uns nie drin, und daran scheitert es meistens.

Gesprächsbeitrag von Hanno.

Ein Kalender darf nicht so tun, als wäre der Weg zwischen zwei Einträgen frei. Wenn wir bei dir um zwölf essen und bei uns um vier Kaffee trinken, ist das kein Nachmittag, das sind zwei Ausfahrten mit zwei Rückfahrten. Ich trage das nicht aus Prinzip ein, sondern weil ich es sonst als eigenen Fehler betrachte, wenn alle müde sind.

Gesprächsbeitrag von Vitus.

Ich verstehe die Sorge. Aber ein Termin, der eine Viertelstunde vorher abgesagt wird, ist keine Absage. Er ist eine Mitteilung darüber, dass der Tag anders verlaufen ist. Für mich ist der einen liebgewonnene Ordnung, wenn der Besuch endet, der andere: die Ordnung beginnt, wenn niemand auf die Uhr schaut.

Gesprächsbeitrag von Malin.

Ich gebe dir ein Beispiel. Wenn ich zu dir komme, rechne ich die Rückfahrt nicht ein, weil ich dann noch bleiben würde. Wenn ich umgekehrt zu einer Uhrzeit verabredet bin, beginne ich zu gehen, bevor es schön ist. Deshalb schreibe ich Uhrzeiten nicht als Ende der Nähe, sondern als Anfang des Rückwegs. Zwei Spalten: ankommen und losfahren. Was dazwischen passiert, steht im Kalender nicht.

Gesprächsbeitrag von Hanno.

Damit kann ich leben. Aber dann darf man mir nicht vorwerfen, dass ich den Weg plane wie ein Projekt. Wenn ich herumfahre, will ich wissen, was auf mich zukommt: Parken, Kinder, Kaffee oder nicht. Das ist keine Ungeduld, das ist Vorfahrt-Denken: erst lesen, dann fahren. Ich kann nicht losfahren, wenn ich nicht weiß, wie viel Zeit bis zum nächsten Stopp bleibt.

Was aufschreiben heilt

Wir haben einen Trick gefunden, der bei uns funktioniert: Der Kalender gehört allen, aber die Entscheidung darüber, was er bedeutet, gehört keinem. Ein Eintrag „Großelternbesuch, Sonntag” ist keine Vereinbarung über das Verhalten. Er ist eine Vereinbarung über eine Zeit, in der sich alle einstellen. Wie sich die Zeit dann füllt, steht im Kalender nicht.

So werden Termine kleiner und wichtig zugleich. Ein Besuch ist kein Programm mit Erfolgsdruck. Eine Absage ist kein Urteil über Nähe. Es gibt schlechtere Familienregeln als die: Der Kalender weiß, wann. Die Menschen wissen, wie.

Der schönste Nebeneffekt betrifft die Stellen, die wir nicht eintragen. Wer nichts anfängt, wenn alle Zeit haben, hat plötzlich sehr viel Zeit. Bei uns heißt dieser Trick: „Absichtlich nichts”. Ein leerer Nachmittag ist kein Fehler, er ist ein Versprechen an die Langeweile, die bekanntlich der Anfang vieler Gespräche ist. Die Jüngsten brauchen sie zum Spielen, die Älteren zum Erzählen und wir beide zum Zuhören.

Die andere Seite der Uhr

Unsere kleine Beobachtung steht neben großen journalistischen Familienberichten, etwa das Familienthema der Süddeutschen Zeitung. Dort wird erzählt, was Familien über Zeit, Arbeit und Sorgerecht verhandeln. Uns interessiert der kleinere Ausschnitt: Wie klingt es, wenn drei Menschen mit drei Geschwindigkeiten einen Sonntag planen? Der Kalender ist dafür ein greifbarer Beweis. Nicht weil er alles regelt, sondern weil man an ihm sehen kann, wo Nähe anfängt und wo Aufwand anfängt. Meistens liegt beides näher beieinander, als die Uhr vermuten lässt.

Wir haben daraus einen festen Satz übernommen, der in keinem Kalenderblatt steht und genau deshalb überall gelten muss: Für Wege brauchen Menschen Zeit, die im Eintrag nicht vorkommt. Erst wenn alle das wissen, entsteht echte Verlässlichkeit. Sie sieht nicht nach Fahrplan aus. Sie sieht nach einem Sonntag aus, an dem niemand zwischen Terminen hin und her fährt, weil vorher gerechnet wurde.

In unserem Kalender stehen erstaunlich wenige Sonntage. Nicht, weil dort nichts passiert, sondern weil der Sonntag bei uns der Tag ist, an dem Zeit nicht verteilt, sondern gelassen wird. Wer an diesem Tag trotzdem etwas eintragen will, darf: Ein Eintrag für die eigenen Füße, eine Tasse mit zwei Lagen Schaum, ein Fenster, das sich ausnahmsweise vor Mittag öffnet. Das steht im Kalender neben den Pflichten, und es hilft, weil es zeigt, dass die Zeit nicht nur Terminen gehört.

Nähe ist kein Eintrag

Am Ende bleibt der Unterschied zwischen Vereinbarung und Nähe. Eine Vereinbarung kann man halten. Nähe kann man nur zulassen. Der Kalender schafft dafür die Zeit, in der sie passieren darf. Manche Wochen bleiben leer. Andere Wochen brauchen eine Rückseite. Wir schreiben sie alle auf, weil uns das Aufschreiben davor bewahrt, aus einem verpassten Termin eine verpasste Gelegenheit zu machen.

Vitus bringt uns bei, dass auch das Zuschauen ein Eintrag ist. Unter Zusammenleben steht bei uns auch das Warten am Schachbrett, und drei Namen, ein Tisch zeigen den Anfang. Wer die drei Stimmen dahinter sucht, findet sie hier: Malin, Hanno und Vitus.

Geschrieben für MAHAVI von Malin und Hanno und Vitus.

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